26. Oktober 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
Stimmungsindikatoren der Eurozone trüben sich stärker ein als erwartet, die Risikoaufschläge zehnjähriger französischer Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen steigen auf den höchsten Stand seit 2012, und der Preis für Brent-Öl nähert sich seinem bisherigen Höchststand seit Ausbruch der Iran-Krise.
Eurozone verliert zum Start ins vierte Quartal an Schwung
Der Einkaufsmanagerindex der Eurozone fiel im Oktober von 53,1 auf 51,9 Punkte und damit stärker als erwartet. Der Rückgang signalisiert eine nachlassende Wachstumsdynamik zu Beginn des vierten Quartals. Belastend wirken insbesondere höhere Rohstoffpreise und restriktivere Finanzierungsbedingungen. Besonders deutlich verschlechterte sich der Index für Frankreich: Er sank stärker als erwartet von 51,1 auf 48,4 Punkte und rutschte damit in den kontraktiven Bereich. Deutschland hielt sich mit 52,8 Punkten vergleichsweise besser. Auffällig ist die stärkere Abschwächung im Dienstleistungssektor in der Eurozone, während sich das Verarbeitende Gewerbe etwas besser behauptete. Dies könnte auf zunehmenden Druck auf die realen Einkommen und den privaten Konsum hindeuten. Für den Inflationsausblick könnte relevant sein, dass sich trotz deutlich höherer Inputkosten der Anstieg der Verkaufspreise verlangsamte. Unternehmen scheinen höhere Kosten somit teilweise über niedrigere Gewinnmargen aufzufangen, statt sie vollständig an die Verbraucher weiterzugeben. Dies dürfte es der EZB erleichtern, auf ihrer Sitzung am Donnerstag zunächst eine abwartende Haltung einzunehmen.
Frankreich: Länderrisiko oder Vertrauenskrise?
Die Risikoaufschläge zehnjähriger französischer Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen haben den höchsten Stand seit 2012 erreicht. Sie liegen bei rund 1,7 Prozentpunkten, nach 0,6 Prozentpunkten im Juli. Auf dem Höhepunkt der Eurokrise 2012 betrug der Abstand 1,9 Prozentpunkte. Damit rückt die Fragmentierung des Euroraums – das Auseinanderdriften der Finanzierungsbedingungen zwischen den Mitgliedstaaten – in den Fokus. Von einer Entwicklung wie während der Eurokrise ist der Euroraum jedoch weit entfernt – die Ausweitung der Risikoaufschläge auf andere Länder bleibt bislang begrenzt. Damals stiegen die Aufschläge Spaniens und Italiens gegenüber Bundesanleihen zeitweise auf rund sechs Prozentpunkte. Aktuell liegen sie bei etwa 0,7 beziehungsweise 1,2 Prozentpunkten. Zudem könnte die EZB ungeordneten Marktdynamiken mit dem Transmission Protection Instrument (TPI) entgegenwirken. Angesichts der begrenzten Ansteckung ist ein TPI-Einsatz jedoch nicht absehbar. Die Entwicklung spricht daher eher für eine Neubewertung länderspezifischer Risiken als für einen systemischen Vertrauensverlust in die Währungsunion.
Papiere mit „BB“- beziehungsweise „B“-Rating rentieren dagegen mit rund 7,0 Prozent beziehungsweise 8,3 Prozent. Die wachsenden Unterschiede zeigen, dass Anleger stärker zwischen soliden und finanziell angespannten Unternehmen differenzieren. Hohe Verschuldung und anstehende Refinanzierungen zu höheren Zinsen belasten vor allem Emittenten mit geringer Bonität. Die hohen Renditen spiegeln gestiegene Ausfallrisiken wider. In einem Umfeld mit länger erhöhten Zinsen sollten Anleger daher verstärkt auf Qualität, tragfähige Verschuldung und verlässliche Zahlungsströme achten.
Fragmentierter Ölmarkt stärkt die Preissetzungsmacht
Der Preis für Öl der Nordseesorte Brent näherte sich zuletzt wieder seinem bisherigen Höchststand seit Ausbruch der Iran-Krise. Zugleich liegen die weltweiten Rohölfrachtraten mit durchschnittlich mehr als 20 US-Dollar je Barrel rund siebenmal so hoch wie vor einem Jahr. Kriegsrisikoprämien, Schiff-zu-Schiff-Umladungen und längere Transportwege binden Tankerkapazitäten und fragmentieren die globalen Handelsströme. Anbieter mit vergleichsweise kurzen und sicheren Transportwegen, etwa in Nordwesteuropa oder Lateinamerika, profitieren von Nachfrageverlagerungen und können aufgrund ihrer stärkeren Marktposition höhere Preise durchsetzen. Bei Raffinerien mit langen oder risikobehafteten Beschaffungswegen steigen dagegen die Rohölkosten und die Nettomargen sinken. Der zunehmende Margendruck schafft zudem einen wirtschaftlichen Anreiz, die Raffinerieauslastung zu reduzieren, was das Angebot an Diesel und anderen Ölprodukten zusätzlich verknappen könnte. Energieaktien dürften daher zunächst unterstützt bleiben – eine Deeskalation könnte jedoch die Risikoprämien verringern und Kursrücksetzer auslösen.
US-Stahlpreise setzen Höhenflug fort
Der Preis für warmgewalzte Stahl-Coils (Hot-Rolled Coil), der als Referenzpreis für den US-Markt gilt, befindet sich seit rund einem Jahr auf einem kontinuierlichen Aufwärtstrend. Nach einem Anstieg um 52 Prozent binnen Jahresfrist wurde er zuletzt auf dem höchsten Niveau seit Mai 2022 gehandelt.
Grund hierfür sind unter anderem die 50-prozentigen Importzölle, die das Angebot spürbar verknappten. Marktbeobachter berichteten, dass in den ersten neun Monaten 2026 die US-Importe von Fertigstahl um 14 Prozent sanken. Zusätzlichen Aufwärtsdruck auf die Preise könnten Produktionsausfälle aufgrund routinemäßiger Wartungsarbeiten im Schlussquartal bringen. Während die heimischen Stahlunternehmen von den höheren Inlandspreisen und geringerer Importkonkurrenz profitieren, steigen zugleich für Industrie, Bauwirtschaft und Rechenzentren die Kosten.
Weltindex mit Schlagseite: Wie gefährlich sind hohe Gewichtungen?
Weltweit investieren und automatisch breit diversifiziert sein? Ganz so einfach ist es nicht. In großen Aktienindizes wie dem MSCI World oder dem S&P 500 sorgen hochkapitalisierte US-Unternehmen für starke Länder-, Branchen- und Einzelwertgewichtungen. Gleichgewichtete Indizes und Varianten wie „World ex USA“ bieten Alternativen, sind aber nicht automatisch die bessere Wahl. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich diskutieren in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts die Vor- und Nachteile verschiedener Indexkonzepte und erklären, worauf Anleger bei der Auswahl achten sollten.
Zahl des Tages: 6,2
Sind wir allein im Weltall? Das zählt zu den ungelösten Fragen, doch tatsächlich könnten wir Spuren von außerirdischem Leben schon gefunden haben – auf dem Mars. Im Juli 2024 nahm der Marsrover Perseverance auf dem roten Planeten eine Gesteinsprobe, die von NASA-Wissenschaftlern „Sapphire Canyon“ getauft wurde. Das 6,2 Zentimeter lange Felsstückchen weist Flecken auf, die als potenzielle Biosignaturen eingestuft werden: Hinweise darauf, dass dort früher Mikroorganismen existiert haben könnten. Ob „Sapphire Canyon“ tatsächlich eine Jahrhundertentdeckung in sich trägt, kann jedoch nur in irdischen Laboren festgestellt werden. Die Probe wurde deshalb im Rover verstaut und bleibt dort, bis sie zur Untersuchung auf die Erde gebracht wird. Wann das passiert, ist offen; die NASA hat ihr Rückholprogramm wegen knapper Budgets auf unbestimmte Zeit zurückgestellt.
Machen Sie heute eine spannende Entdeckung.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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