Die Zahl der Entlassungen nimmt zu. Kehren wir damit zu höheren Arbeitslosenquoten zurück oder finden die Entlassenen rasch wieder Anstellung bei anderen Arbeitgebern? Die Antwort ist ein klares: Jein.
Leider zuletzt keine Seltenheit mehr: Weil die Konjunktur lahmt, sind umfangreichere Stellenkürzungen gerade in der verarbeitenden Industrie nicht zu verhindern. Bildquelle: picture alliance / CHROMORANGE
35.000 bei Volkswagen. 14.000 bei ZF, 13.000 bei Conti, 30.000 bei BASF, 7.000 bei Bosch, 30.000 bei der Bahn, 3.500 bei SAP, 11.000 bei Thyssenkrupp Steel – und damit ist die Liste noch längst nicht vollständig. Weit über 100.000 Arbeitsplätze sollen in den kommenden Jahren in Deutschland abgebaut werden. Wie viele es insgesamt werden, wissen wir erst, wenn die Arbeitslosenstatistiken vorliegen.
Wie auch immer: Im Vergleich zu den rund 46,3 Millionen Erwerbstätigen, die hierzulande im vierten Quartal 2024 beschäftigt waren, erscheinen es auch in Summe vernachlässigbare Größen zu sein. Doch wenn die Konzerne kürzen, werden ihre Zulieferer und deren Lieferanten nachziehen müssen. Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnete im Februar bereits einen Anstieg der Arbeitslosenquote auf 6,4 Prozent (2024 durchschnittlich 6 Prozent). Einer Analyse des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge planen vier von zehn Unternehmen in Deutschland einen Stellenabbau. Auch dann dürfte Deutschland zwar noch von den hohen Quoten in der Vor-Hartz-IV-Ära von 8 bis 9 Prozent weit entfernt sein, aber nicht mehr nah an der faktischen Vollbeschäftigung der vergangenen Jahre von 5 Prozent.
In welche Richtung steuern wir angesichts von Regierungswechsel, Transformation, Fachkräftemangel, Verrentung der Babyboomer? Klar dürfte nur sein: Die Zahl der Beschäftigten dürfte ihren Höhepunkt erreicht haben.
Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research erwartet keine schnelle Besserung der Arbeitslosenquote: „Deutschlands Unternehmen stehen vor großen strukturellen Herausforderungen. Instrumente wie Kurzarbeit können da längst nicht so effektiv eingesetzt werden wie in vorherigen Krisen.“ Bereits in der Finanzkrise 2008/2009 hatte sich Kurzarbeit für Staat und Unternehmen bewährt: Weil die Unternehmen nur relativ wenige Mitarbeiter entlassen hatten, konnten sie beim Wiederaufschwung rasch ihre Produktion wieder hochfahren. Hätte es Massenentlassungen gegeben, wäre die Erholung langsamer gekommen, wären die Sozialsysteme länger belastet worden.
Auch in der Corona-Pandemie bewährte sich, dass viele Unternehmen trotz eines drastischen Nachfrageeinbruchs und Schwierigkeiten in der Produktionsfähigkeit an ihrer Belegschaft festhielten. So erlitten sie nicht das Schicksal der Gastronomie. Dort hatten entlassene oder unbeschäftigte Mitarbeiter oft schnell eine Anstellung im Einzelhandel gefunden. Als in der Post-Corona-Zeit der Nachholeffekt zu einer Wiederbelebung der Gastronomie führte, fehlte Personal in Küche und Service, um die Nachfrage vollständig zu bedienen. Obwohl der stationäre Handel aufgrund der Konkurrenz aus dem Internet inzwischen ebenfalls unter Druck steht, ist es der Gastronomie bis jetzt nicht gelungen, zu alter Personalstärke zurückzufinden.
Könnte sich der massenhafte Wechsel in eine andere Anstellung, wie ihn Gastronomie und Handel in der Corona-Zeit vorgemacht haben, in anderen Bereichen wiederholen? Vermutlich nicht. Denn auf der einen Seite stehen Unternehmen, meist aus der Industrie, die aufgrund hoher Energiekosten und geringerer Nachfrage Arbeitsplätze abbauen müssen. Auf der anderen Seite sind es häufig, aber nicht nur Dienstleistungsunternehmen, die händeringend Personal suchen. Deutschland fehlen laut IW mehr als 530.000 Fachkräfte in unterschiedlichsten Bereichen von Kinderbetreuung bis Bauelektrik, von Physiotherapie bis Kraftfahrzeugtechnik. Zuletzt sind diese Zahlen etwas gesunken – auch dies eine Folge der schwachen Wirtschaftsentwicklung –, doch sie bleiben hoch.
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Ein Wechsel in diese offenen Stellen gestaltet sich aber schwierig, zum einen aus geografischen Gründen. Zwei Beispiele: Die Güterverkehrssparte der Bahn, DB Cargo, plant den Abbau von 5.000 Stellen vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – Logistikstellen bleiben hingegen in den norddeutschen Hafenstädten unbesetzt. Allein auf die drei Metropolen Berlin, München und Hamburg entfielen nach Angaben der Plattform Xing im ersten Quartal 2023 in Summe 587.000 offene Stellenangebote – doch nicht jeder ist bereit zum Umzug in die teure Großstadt. Seit Jahren schon kommen häufig Angebot und Nachfrage nicht zusammen: Während die Arbeitslosenquote in Bayern bei 3,4 Prozent liegt, ist sie in Bremen etwa dreimal so hoch, ohne dass es durch Binnenmigration zum Ausgleich kommt.
„Wer sich für eine Tätigkeit in der Automobilproduktion entschieden hat, wechselt möglicherweise nur ungern in die Sozialarbeit oder den Verkauf.“
Marc Schattenberg, Deutsche Bank Research
Zum Zweiten gilt: „Wer sich für eine Tätigkeit in der Automobilproduktion entschieden hat, wechselt möglicherweise nur ungern in die Sozialarbeit oder den Verkauf“, erklärt Schattenberg. „Schließlich hat man den aktuellen Job oft aufgrund seiner Neigungen ausgewählt.“ Und zum Dritten fehlt es in aller Regel an der notwendigen Qualifikation für einen anderen Job. Das führt dazu, dass selbst innerhalb eines Unternehmens im einen Bereich Stellen abgebaut, in einem anderen Bereich zugleich aufgebaut werden. In der Automotive-Branche sind strukturell bestimmte Technologiefelder wie Antriebsstrang oder Verbrennermotor nicht mehr gefragt, dafür ist beispielsweise der Bedarf an Software-Designern für das Auto hoch. So geht es in vielen Transformationsbereichen, ob in der Digitalisierung oder der Dekarbonisierung.
Bereits vor den Entlassungswellen gab es den Versuch, Menschen durch Weiterqualifizierung in Arbeit zu bringen. In Teilen gelang dies auch: Mobile Schulungszentren, virtuelle Lernplattformen oder die Einführung von Teilqualifikationen führten zur Verringerung der Vakanzzeit, also wie lange eine Stelle unbesetzt bleibt. Andere Maßnahmen wie das „Bundesprogramm Bildungsgutschein Plus“, das Weiterbildungsförderung mit Umzugsbeihilfen kombiniert, halfen der Mobilität auf die Sprünge. Mit „Experience +“ der Bundesagentur für Arbeit soll die Nachqualifizierung von Arbeitnehmern ab 55 Jahren unterstützt werden. Signifikante Effekte auf die Zahl der offenen Stellen hat das in der Vergangenheit nicht gehabt.
Wollen Politik und Unternehmen den Mismatch zwischen den Präferenzen und Qualifikationen der freigestellten Arbeitskräfte und möglichen Arbeitgebern reduzieren, müssten sie konsequenter an verschiedenen Hebeln ansetzen. Das beginnt mit dem Wohnungsbau in Metropolen, damit Zuzugsinteressierte überhaupt eine (bezahlbare) Bleibe finden können, und endet noch lange nicht mit der Ausweitung der dezentralen Arbeitsplätze. Wer „Work from Home“ anbietet, wo es möglich wäre, erspart erfahrenen Arbeitnehmern, ihr bestehendes soziales Umfeld aufgeben zu müssen. Immerhin konnten fast 40 Prozent der Beschäftigten nach dem Ende der Corona-Pandemie zumindest teilweise im Homeoffice arbeiten. Inwiefern auch Reduzierungen von Sozialtransfers die Mismatch-Lücke schließen helfen, bleibt abzuwarten.
Das alles klingt nach langwierigen Anpassungsmaßnahmen. Doch es gibt auch Lichtblicke. Die Rüstungsindustrie baut derzeit Kapazitäten auf – und dürfte demnächst noch weiteren Bedarf an Arbeitskräften haben. Dabei wird sie auch bei den ehemaligen Beschäftigten aus der Automobilbranche fündig. Der Hochleistungsradar-Spezialist Hensoldt etwa berichtet von Gesprächen mit den Autozulieferern Continental und Bosch über die Übernahme von Mitarbeitern. Rheinmetall hat 100 Beschäftigten des defizitären Bremsenwerks von Continental in Gifhorn den Wechsel in eine Munitionsfabrik angeboten. Und Panzergetriebehersteller Renk setzt, ohne Details zu nennen, offenbar ebenfalls auf Know-how aus dem Automobilsektor. Zugleich planen einige Autozulieferer, ihr Geschäft Richtung Rüstungsproduktion umzustellen. Mit dem geplanten Sondervermögen für Verteidigung könnte sich diese Entwicklung noch einmal beschleunigen.
Auch in der Tech-Branche könnte es Arbeitsplatzverschiebungen geben: Während mancher internationale Tech-Riese Stellen abbaut, werden IT-Experten in vielen anderen Branchen weiter dringend gesucht. Auch innerhalb der Tech-Branche bieten sich neue Beschäftigungsmöglichkeiten rund um die Themen Cybersicherheit oder Künstliche Intelligenz. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit finden deutsche Tech-Beschäftigte in der Regel innerhalb von sechs Monaten eine neue Anstellung. Dort, wo der inhaltliche und geografische Sprung von einer Tätigkeit oder gar Branche zur nächsten nicht so groß ist, gelingt der Stellentransfer. Das stimmt, bei allen Einschränkungen, hoffnungsfroh für diejenigen, die Arbeit suchen, und diejenigen, die Arbeit bieten.
03/2025
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.